Mehr Bewerber mit Fachoberschulreife gesucht
Pressemitteilung 39e/2011 vom 19. Mai 2011
Handwerksbetriebe setzen zunehmend auf Fachoberschulreife!
Präsident Schulhoff: „Weiterhin deutliche Defizite in Mathematik, Deutsch und bei der körperlichen Belastbarkeit“
Jede sechste Lehrstelle kann nicht besetzt werden
Die Konjunktur im Handwerk brummt, der Personalbedarf steigt. Von den fünfzig Berufen mit den meisten offenen Stellen entfallen derzeit alleine 19 auf die „Wirtschaftsmacht von nebenan“ (so der Slogan der aktuellen Imagekampagne des Handwerks). Auf dem Arbeitsmarkt werden die gesuchten Fachkräfte aber auch nach der erweiterten Arbeitnehmerfreizügigkeit seit dem 1. Mai aber kaum zu finden sein. Umso engagierter setzt der beschäftigungsstärkste aller großen Wirtschaftssektoren, das Handwerk (1 Mio in NRW, 300.000 im Regierungsbezirk Düsseldorf) auf selbst ausgebildeten Berufsnachwuchs. 2010 nahmen im Bezirk der Handwerkskammer Düsseldorf 2,9 Prozent mehr junge Menschen eine Handwerkslehre auf als ein Jahr zuvor. Aktuell sind im Handwerk an Rhein und Ruhr sieben Prozent mehr neue Ausbildungsverhältnisse zustande gekommen als vor Jahresfrist. Trotz dieses Zwischenerfolgs ist das Ringen um die besten Köpfe härter geworden. Die Unternehmen haben deshalb ihre Akquise-Aktivitäten an den Schulen und auf Ausbildungsmessen weiter intensiviert.
Darüber hinaus wird es für die ausbildenden Handwerksbetriebe immer wichtiger, die Qualität der vorhandenen Bewerber genau auszuloten. Welche Wege die Unternehmen beschreiten und welche Voraussetzungen die Berufsanfänger heute mitbringen, hat die Handwerkskammer in einer repräsentativen Umfrage bei 2100 Ausbildungsbetrieben des Wirtschaftsbereichs (Rücklauf: 501) ermittelt. Die zentralen Erkenntnisse daraus lauten:
Das Praktikum ist ein Muss. In den letzten zehn Jahren hat sich ein dem Einstellungsverfahren vorgeschaltetes Betriebspraktikum fast flächendeckend durchgesetzt. Außerdem sind die schriftlichen Bewerbungen der Schulabgänger im Handwerk aussagekräftiger und professioneller geworden. Dadurch schaffen es trotz unverändert schwacher Noten in den Kernfächern im Abschlusszeugnis vergleichsweise mehr Kandidaten als noch vor einigen Jahren ins Vorstellungsgespräch – und schließlich in die Lehre.
„Die schulischen Defizite vieler Bewerber sind ausweislich unserer Untersuchung nach wie vor gravierend“, betonte Kammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Köster am Donnerstag vor Journalisten in Düsseldorf. „Dennoch wäre es nicht angebracht, von einer generellen Unzufriedenheit der Arbeitgeber und Ausbilder im Handwerk mit der schulischen Qualifikation und Leistungsbereitschaft zu sprechen. Der persönliche Eindruck vom Bewerber ist oft besser als die Zeugnis-Form“, zog Köster ein differenziertes Fazit der Studie. „Das heißt nicht, dass wir uns mit den nach wie vor vorhandenen Schwächen der Berufsanfänger insbesondere in Mathematik, in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern und in der Sprachkompetenz abfinden können,“ kritisierte Köster.
Der von der Landesregierung vollzogene Wechsel von mehreren Einzel-Kopfnoten für bestimmte soziale und Verhaltens-Dispositionen auf eine zusammenfassende, qualitative Aussage im Abschlusszeugnis wird von den befragten Arbeitgebern dagegen mehrheitlich mitgetragen.
Die Umfrageergebnisse im Einzelnen:
1. Mittlere Bildungsabschlüsse sind im Handwerk im Kommen
Das Qualifizierungsniveau steigt in allen Handwerksberufen aufgrund technologischer Innovationen permanent an. Deshalb bevorzugen 41 Prozent der ausbildenden Unternehmen mittlerweile Ausbildungsbewerber mit Fachoberschulreife (Mittlere Reife). 35 Prozent setzen nach wie vor auf den Hauptschulabschluss. Im Bauhauptgewerbe und im Nahrungsmittelgewerbe ist der Hauptschulabschluss noch der bevorzugte Schulabschluss.
Dagegen erwartet im Gesundheitsgewerbe (u.a. Augenoptiker, Orthopädietechniker, Zahntechniker) heute bereits jeder vierte Firmeninhaber ein bestandenes Abiturzeugnis.
2. Praktikum und Einstellungsgespräch wichtigste Entscheidungsgrundlage
71 Prozent der ausbildenden Unternehmen des Wirtschaftsbereichs benennen die im Rahmen eines Praktikums gezeigten Leistungen und Eigenschaften eines Bewerbers als maßgebliches Kriterium für die Lehrstellenvergabe. Daneben bleiben die Eindrücke aus den Vorstellungsgesprächen (84,5 Prozent) ein „sehr wichtiges“ Entscheidungsmerkmal. „Ihr Urteil von den Voraussetzungen des Bewerbers bilden sich die Ausbilder im Handwerk heute vorzugsweise persönlich“, kommentierte Thomas Köster die aktuelle Einstellungspraktik im Handwerk.
Nicht mehr zwingend ausschlaggebend, aber immer noch eine maßgebliche Entscheidungshilfe ist die schriftliche Bewerbung der Kanndidaten. 61 Prozent der befragten Firmeninhaber der Branchengruppe ziehen wichtige Erkenntnisse aus der Bewerbungsunterlage. Nur ein Drittel (34,9 Prozent) erachtet die Bewerbungsunterlage jedoch noch als „sehr wichtige“ Quelle.
3. Gefragt: Aussagen über das Sozialverhalten
Hoch ist das Interesse der Arbeitgeber in spe dabei an Aussagen zum Arbeits- und Sozialverhalten der Bewerber. Nur 19,6 Prozent der Befragten hält Angaben im Abgangszeugnis hierzu nicht für entscheidungsrelevant. Dabei bevorzugen 54 Prozent der Unternehmen schriftliche Ausführungen über das Lernverhalten, wie sie der Landesgesetzgeber seit kurzem vorsieht. 36,6 Prozent hätten dagegen gerne die bisherigen Kopfnoten beibehalten.
4. Ordentliche Noten für persönliche Eigenschaften der Bewerber
Erst in einem Praktikum oder spätestens in der Probezeit erkennen die Ausbilder, wie es um persönliche Eigenschaften des Berufseinsteigers wie Lern- und Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Geschick bestellt ist. Dabei schätzen die Unternehmen die sogenannten „Sekundärtugenden“ der Bewerber von den Unternehmen überwiegend als „gut“ oder „in Ordnung“ ein. Zwischen 20 und 30 Prozent der Betriebe kommen allerdings in der Summe ihrer Erfahrungen zu einem negativen Urteil über die persönlichen Voraussetzungen der Bewerber. Deren körperliche Belastbarkeit schätzt gar mehr als ein Drittel der Betriebe (34,5 Prozent) als unzureichend ein. Bei früheren Umfragen der Kammer waren Klagen über Persönlichkeitsdefizite der Ausbildungsplatzbewerber allerdings ungleich verbreiteter: So beanstandeten 66 Prozent der handwerklichen Arbeitgeber im Mai 2000 eine mangelnde Zuverlässigkeit, 57,8 Prozent mangelnden Fleiß und 50,5 Prozent mangelnde Lernbereitschaft beim damaligen Berufsnachwuchs.
5. Unverändert große Defizite in Grundlagenfächern
Keinerlei Besserung lassen dagegen die Zeugnisnoten der Bewerber erkennen. Rund jeder zweite Lehrstellenbewerber legt ein Zeugnis mit mangelhaften Noten in Deutsch, Englisch, Mathe oder Naturwissenschaften vor. Weniger als fünf Prozent bringen dagegen gute Noten aus Kern- und Technik-Fächern mit. „In zehn Jahren Schulpolitik hat sich an diesem schlechten Notenbild nichts geändert. Schon unsere Vorläufer-Umfrage im Jahr 2000 hatte exakt die gleichen Werte,“ beanstandete der Kammerverwaltungschef. In der Kategorie „berufsrelevantes Vorwissen“ können die Kanndidaten alleine mit ihren Computer-Kenntnissen punkten (38,3 Prozent der Befragten attestieren gute, 54,9 Prozent zufriedenstellende Kenntnisse).
6. Arbeitgeber zufrieden mit Bewerbungsunterlagen und -gesprächen
Zum Teil aufgewogen wird das Manko durch eine von den Arbeitgebern als „ordentlich“ beurteilte Qualität der vorgelegten Bewerbungsunterlagen. Sowohl für die äußere Gestaltung, als auch für die Vollständigkeit und Richtigkeit der Angaben erteilen rund 90 Prozent der Unternehmen eine gute oder zufriedenstellende Note. „Das in den letzten Jahren in allen Schulformen ausgeweitete Unterrichtsangebot in Bewerbungstrainings macht sich langsam bezahlt. Es kommen deshalb mehr Kanndidaten aufgrund ihrer schriftlichen Bewerbung in die engere Wahl“, lobte Köster.
Auch beim Bewerbungsgespräch selbst präsentieren sich die Schulabgänger heute im Regelfall in akzeptabler Form. Das Gros der Arbeitgeber ist mit dem Auftreten (72,9 Prozent) und Erscheinungsbild (62,4 Prozent) der Bewerber einverstanden. „Noch vor wenigen Jahren haben wir in einer drastisch bebilderten Broschüre vor groben Verhaltensfehlern bei Bewerbungsgesprächen warnen müssen“, würdigte Köster die Veränderung. Jeder dritte Ausbilder hält allerdings das Ausdrucksvermögen der Bewerber für verbesserungsbedürftig. Und fast die Hälfte der Befragten moniert mangelndes Vorwissen der Schüler über das Berufsbild und das Unternehmen. „An diesem Punkt muss die Berufsorientierung an den Schulen noch besser werden,“ mahnte Köster.
7. Handwerk rekrutiert erfolgreich – trotz Bewerber- und Qualifikationsmangel
Trotz unverändert unzureichender Kenntnisstände der Bewerber hat nur jeder sechste Betrieb im Jahr 2010 nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen können. Mit Nachwuchs unterversorgt blieben die Lebensmittelhandwerke der Fleischer, Bäcker, Konditoren inkl. Fachverkäufer sowie die Gesundheitsbranchen und v.a. die großen technischen Ausbildungsberufe zum Elektroniker/Elektroinstallateur und zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. In fast vier von zehn Fällen (38,0 Prozent) war dies der Fall, weil zu wenige Bewerbungen eingegangen waren. Ein wieteres Drittel der Befragten (35,2 Prozent) verweist auf einen Ausbildungsabbruch durch den Lehrling, der zu einem Verfall des Ausbildungsgebots geführt habe. In 63,3 Prozent der Fälle (bei Möglichkeit der Mehrfachnennung) führten nach Aussage der befragten Betriebsinhaber die genannten Qualifikationsmängel der Bewerber zur Ablehnung und Nichtbesetzung der Stelle.
„Mit Blick auf tendenziell rückläufige Bewerberzahlen schauen die Ausbilder heute genauer nach anderweitigen Qualitäten des Bewerbers und geben ihm eine zweite Chance“, bilanzierte Thomas Köster das Umfragebild.
online seit 03. Jun 2011, aktualisiert am 02. Aug 2011
Ansprechpartner

Alexander Konrad
Pressesprecher
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