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Nordrhein-Westfälischer
Handwerkstag
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Thesen zum Meisterbrief im deutschen Handwerk
von
Dr. Thomas Köster, Geschäftsführer des
Nordrhein-Westfälischen Handwerkstags
Vorbemerkung:
Die Debatte in Deutschland über eine Modernisierung des Großen Befähigungsnachweises im Handwerk intensiviert sich. Das Handwerk hat hier hierzu umfassende Reformvorschläge unterbreitet, die im Augenblick noch weiter ergänzt werden. Diese Reformvorschläge werden in eigenen Positionspapieren präsentiert. Es ist aber auch wichtig, sich als Hintergrund der gegenwärtigen Diskussion im Pro und Contra die Funktion des Befähigungsnachweises als Instrument der deutschen Wirtschaftspolitik vor Augen zu führen. Dies soll mit dem nachfolgenden Thesenpapier aus der Sicht des Handwerks geschehen.
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| 1. |
Die Meisterkurse des Handwerks sind das quantitativ und qualitativ wichtigste Instrument für die Vorbereitung auf die Selbständigkeit in Deutschland. 30.000 jüngere Menschen werden dort Jahr für Jahr an den Gedanken der Existenzgründung herangeführt und zur Selbständigkeit ermuntert. Dieses Instrument muss gestärkt und nicht etwa geschwächt werden.
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| 2. |
Seit der Verabschiedung der Handwerksordnung durch den Deutschen Bundestag im Jahre 1953 hat die Handwerkswirtschaft im Unterschied zum industriellen Sektor gemessen am Beschäftigtenanteil stark zugenommen. Das Umsatzwachstum des Handwerks in Deutschland insgesamt war nahezu gleich stark wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Gleichzeitig wurde ein gewaltiger Strukturwandel zwischen den Hand-werksgruppen verkraftet. Der Große Befähigungsnachweis im Handwerk ist deshalb keine Wachstumsbremse, sondern ein Wachstumsstabilisator par excellence. |
| 3. |
Die intensive Unternehmerqualifizierung durch Meisterkurse aufgrund des Großen Befähigungsnachweises ermöglicht in Deutschland im Vergleich zu den anderen EU-Mit-gliedsländern das Entstehen größerer mittelständischer Betriebe, die auch bei anspruchs-vollen und komplexen Arbeiten gegenüber Großunternehmen absolut wettbewerbsfähig sind. Die Intensität des Wettbewerbs wird dadurch erhöht.
| Vergleich
der Unternehmensstrukturen in Deutschland, Frankreich und
Großbritannien im Bau- und Ausbaubereich
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Größenklassen
(Beschäftigte)
Anteil v. H.
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| Land |
10 - 99
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übrige
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| Deutschland |
52
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48
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| Frankreich |
33
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67
|
| Großbritannien |
29
|
71
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| Quelle: European Commission 1993, zit. nach
: RWI, Der große Befähigungsnachweis im deutschen
Handwerk, S. 38 f |
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| 4. |
Im Unterschied zu standardisierten Massenerzeugnissen haben die Verbraucher bei nicht-standardisierten Produkten und Dienstleistungen (sog. Vertrauensgütern) das Pro-blem einer nicht ausreichenden Markttransparenz und entsprechend hoher Informationskosten über die Verlässlichkeit und Qualität einschlägiger Angebote. Der Große Befähigungsnachweis im Handwerk hilft hier den Verbrauchern, indem er von handwerklichen Anbietern präventiv den Nachweis einer ausreichenden Qualifikation verlangt. Der Große Befähigungsnachweis signalisiert den Verbrauchern ein Mindestmaß an Verlässlichkeit der handwerklichen Anbieter (Vorabvertrauen). Ihre Informationskosten und ihre Informationsunsicherheit werden dadurch vermindert. Gleichzeitig werden Fehlentscheidungen der Nachfrager und damit volkswirtschaftliche Fehlsteuerungen (sog. Fehlallokationen) tendenziell vermieden. |
| 5. |
Bei nicht-standardisierten Produkten und Dienstleistungen (sog. Vertrauensgütern) ist ein gewisses Maß an Regulierung im Interesse der Verbraucher unerlässlich. Verglichen mit alternativen Instrumenten wie etwa der Produkt- und Dienstleistungshaftung, der Verlängerung von Gewährleistungspflichten, detaillierten Produktvorschriften und -normen verursacht der Große Befähigungsnachweis vergleichsweise geringere Kosten. Die Alternative zum Großen Befähigungsnachweis ist somit nicht die vollständige Deregulierung, sondern nur eine andere Art von Regulierung, die mit höheren Kosten und Marktzugangsbarrieren verbunden ist. |
| 6. |
Eine Marktabschottung für das Handwerk aufgrund des Großen Befähigungsnachweises ist in der Realität bundesdeutscher Märkte nicht möglich und empirisch nicht nachweisbar:
a) Das Handwerk schafft sich durch seine Ausbildungsleistung die potentiellen Wettbewerber selbst. Dadurch bewirkt das Handwerk eine Erhöhung der Wettbewerbsintensität auf handwerklichen Märkten. Darüber hinaus unterliegt das Handwerk beachtlichem Wettbewerb auch mit nicht-handwerklichen Betrieben, z. B. über den Handel, über die Werk-Kundendienste der Industrie sowie über europäische Anbieter auf den Bau- und Ausbaumärkten. Die Firmen Siemens oder Miele berechnen beispielsweise für Service-Techniker Stundensätze zwischen 60 und 80 Euro, während sich Handwerker mit rd. 45 Euro begnügen müssen. Knappheits- oder Monopolrenten verursacht der Große Befähigungsnachweis also ganz offensichtlich nicht.
b) Der Große Befähigungsnachweis hat entgegen der Erwartung seiner Kritiker nicht zu einer Beschränkung der Zahl der Inhaber des Meistertitels geführt, sondern im Gegenteil den Aufbau einer beträchtlichen Meisterreserve bewirkt. Auf jeden selbständigen Handwerksmeister kommt heute ein unselbständiger Handwerksmeister, der sich jederzeit selbständig machen könnte, wenn marktwidrig hohe Gewinne dazu verlockten. Seit Einführung des Großen Befähigungsnachweises durch die Handwerksordnung 1953 hat diese Meisterreserve nicht etwa abgenommen, sondern ständig zugenommen. Die große Zahl qualifizierter und leistungsstarker potentieller Wettbewerber hat starke preisdisziplinierende Wirkung und fördert dadurch die Wettbewerbsintensität.
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| 7. |
Unter den Bedingungen des Großen Befähigungsnachweises ist das Handwerk mit einem Anteil von knapp 15 Prozent an den Arbeitsplätzen zum größten Arbeitgeber in Deutschland vor der Industrie aufgestiegen. Die Existenzgründungen im Handwerk zählen zu den beschäftigungsintensivsten Existenzgründungen in Deutschland. Der Job-Motor Handwerksmeister darf nicht demontiert werden. |
| 8. |
Die Bestandsstabilität der Meister-Existenzgründungen im Handwerk ist signifikant höher als die der Existenzgründungen in anderen Wirtschaftsbereichen. Rund 60 Prozent der neu gegründeten Handwerksbetriebe existieren auch 5 Jahre nach der Existenzgründung. Handwerkliche Existenzgründer, die nach ihrer Meisterprüfung, bevor sie sich selbständig machen, noch einige Jahre Praxiserfahrung sammeln, haben in den ersten fünf Jahren nach Betriebsgründung eine Überlebensrate zwischen 80 und 88 Prozent (K. Müller/M. Heyden, Förderung und Stabilität von handwerklichen Existenzgründungen am Beispiel der Region Saar Lor Lux, Bd. 59 der Göttinger handwerkswirtschaftlichen Studien, Duderstadt 1999). Auch nach den Feststellungen des RWI liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit handwerklicher Neugründungen deutlich über derjenigen der Unternehmensgründungen insgesamt. In Frankreich, wo handwerkliche Existenzgründungen nicht an eine Meisterprüfung gebunden sind, überleben gerade 40 Prozent der Betriebe die ersten fünf Jahre (K. Müller / M. Heyden). Auch der Vergleich der Fluktuationsraten zwischen Gründungen durch Handwerksmeister und Gründungen durch Personen ohne eine derartige Qualifikation in den handwerksähnlichen Gewerken bestätigt die höhere Bestandsfestigkeit der Meistergründungen. Von den handwerksähnlichen Existenzgrün-dungen ohne Meisterqualifikation überleben nur 34 Prozent die ersten fünf Jahre. Kurzlebige Neugründungen und unterkapitalisierte Kleinstbetriebe können nicht das Ziel vernünftiger Wirtschaftspolitik sein. Die höhere Unternehmerqualifizierung aufgrund des Großen Befähigungsnachweises ermöglicht bestandsstabile Wettbewerber auf einer Fülle von Märkten und erhöht überall dort die Wettbewerbsintensität.
Die deutlich höhere Bestandssicherheit von Handwerksbetrieben zeigt sich gerade auch angesichts des derzeit sehr schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes und der erheblich erhöhten Zahl an Insolvenzen. Im Handwerk waren im vergangenen Jahr 2002 nach Angaben der Vereine Creditreform bundesweit 4.100 Insolvenzen zu registerieren (+17,1 Prozent gegenüber Vorjahr). Dennoch bleibt das Handwerk auch nach Berechnungen der Vereine Creditreform sehr insolvenzresistent: Die relative Insolvenzhäufigkeit beträgt 48 pro 10.000 Betriebe im Handwerk, im Durchschnitt aller Branchen dagegen 130 pro 10.000 Unternehmen. Dies ist insbesondere durch die hohe Einstiegsqualifikation von Firmenleitern im Handwerk zu erklären
Fluktuationsquote1)
im Vollhandwerk und im handwerksähnlichen Gewerbe seit
1975
|
| Jahr |
Vollhandwerk
|
handwerksähnl.
Gewerbe
|
| 1975 |
9,2%
|
33,9%
|
| 1980 |
9,4%
|
44,1%
|
| 1985 |
9,8%
|
43,0%
|
| 1990 |
9,6%
|
36,8%
|
| 1993 |
10,0%
|
37,6%
|
| 1998 |
11,0%
|
44,9%
|
| 2001 |
9,8%
|
35,7%
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| 1) Anteil der tatsächlichen Zu-
und Abgänge im Berichtsjahr am Jahresendbestand in
Prozent Quelle: Handwerkskammer Düsseldorf |
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| 9. |
Die Ausbildungsquote im Handwerk ist aufgrund der Ausbildungsleistung der Handwerksmeister nahezu doppelt so hoch wie in der sonstigen Wirtschaft. Dies ist das Ergebnis der Verbindung von Marktzutritts- und Ausbildungsberechtigung im Großen Befähigungsnachweis des Handwerks. Auf dieser Grundlage ist es dem Handwerk bislang möglich, fast 34 Prozent aller Lehrstellen in Deutschland zu stellen. Diese Leistung ist die Grundlage für die Fortexistenz des Dualen Systems der beruflichen Bildung in Deutschland. Zugleich ist dies die entscheidende Bedingung dafür, dass Deutschland unter den großen EU-Ländern die niedrigste Jugendarbeitslosenquote aufweist. Würde bei einem Wegfall des Großen Befähigungsnachweises die Ausbildungsquote im Handwerk auf das Niveau der übrigen Wirtschaft sinken, so bedeutete dies den Verlust von ca. 300.000 Lehrstellen, das entspräche 17,9 Prozent aller Ausbildungsplätze in Deutschland im Jahr 2001.
Ausbildungsquoten in
Nordrhein-Westfalen im Jahr 2001
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| Ausbildungsbereich |
Beschäftigte in 1.000
|
|
darunter:
Auszubildende |
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Quote |
| Handwerk |
1.049
|
1 |
109
|
|
10,4%
|
| Dienstleistungsberufe |
3.651
|
|
183
|
|
5,0%
|
| Gesamtwirtschaft |
5.930
|
|
324
|
|
5,5%
|
1
ohne Inhaber Quelle:
Statistisches Jahrbuch NRW 2002,
eigene Daten |
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| 10. |
Ausbildung und Qualifizierung sind unbestritten die wichtigste persönliche Voraussetzung zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit. Ein Ungelernter hat ein doppelt so hohes Arbeitslosigkeitsrisiko wie ein Qualifizierter. Der Große Befähigungsnachweis ist eine der wichtigsten Säulen der beruflichen Qualifizierung. Wer diese Säule zum Einsturz bringt, erhöht den Anteil der Ungelernten und damit die Arbeitslosigkeit.
Jugendarbeitslosigkeit
im europäischen Vergleich 2000
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| Land |
Jugendarbeitslosenquote
|
| Deutschland |
13,1
|
| Belgien |
25,1
|
| Dänemark |
24,1
|
| Finnland |
28,2
|
| Frankreich |
21,1
|
| Griechenland |
31,2
|
| Irland |
29,9
|
| Italien |
31,8
|
| Luxemburg |
24,0
|
| Niederlande |
34,0
|
| Österreich |
19,1
|
| Portugal |
30,4
|
| Schweden |
19,7
|
| Spanien |
28,0
|
| Quelle: Statistisches Jahrbuch (Ausland) |
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| 11. |
Der
Meisterbrief ist das
Diplom" für die
nicht-akademischen Bevölkerungsteile in Deutschland. Der Wunsch, den Meisterbrief zu erlangen, ist für weite Bevölkerungskreise einer der stärksten Motivatoren für Weiterbildungsanstrengungen nach der beruflichen Erstausbildung. Wer den Großen Befähigungsnachweis abschafft, beseitigt einen der wichtigsten Bildungsaufstiegswege für Nicht-Akademiker in Deutschland. Dieser Bildungsaufstieg war und ist für breite Bevölkerungskreise gerade auch der Arbeitnehmerschaft gleichzeitig ein Weg des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs. |
| 12. |
Die Zünfte des Mittelalters mit Zunftkontrollen über Preise, Gesellen- und Lehrlings-zahl, Löhne, Arbeitsstunden und Werkzeuge haben mit der Wirklichkeit des modernen Handwerks heute nichts gemein. Behauptungen, der Große Befähigungsnachweis sei ein Relikt einer überkommenen Ständegesellschaft, gehen an der Sache vorbei. |
| 13. |
Wirtschaftspolitische Instrumente wie der Große Befähigungsnachweis haben neben Vorteilen natürlich auch Nachteile. Als Nachteile sind vor allem die Schwierigkeit einer jeweils rechtzeitigen Anpassung der Berufsbilder an die Dynamik der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung sowie eine nicht immer einfache Gewerkeabgrenzung und schließlich die höheren Qualifizierungsanforderungen zu nennen, die deutsche Staatsbürger im Vergleich zu EU-Ausländern aufgrund des Großen Befähigungsnachweises erfüllen müssen (sog. Inländer-Diskriminierung). Eine Abwägung des Pro und Contra führt aber zu dem Resultat, dass das Pro zu Gunsten des Großen Befähigungsnachweises eindeutig überwiegt. Dies schließt keineswegs aus, das Instrument des Befähigungsnachweises durch verschiedene Modernisierungsschritte freiheitlicher und flexibler auszugestalten. |
| 14. |
Der Große Befähigungsnachweis im Handwerk ist als wichtige Orientierungshilfe der Verbraucher bei sog. Vertrauensgütern ein modernes Instrument der Wirtschaftspolitik. Er führt zu vermehrter Wettbewerbsintensität, da sich durch ihn mehr bestandsstabile, qualifizierte und leistungsstarke Anbieter auf einer Fülle von Märkten in Konkur-renz zu Großbetrieben betätigen. Er kompensiert bestimmte Absatznachteile nicht-standardisierter Produkte und Dienstleistungen durch Ermöglichung eines Vorabvertrauens bei Verbrauchern. Der Große Befähigungsnachweis reduziert dadurch volkswirtschaftliche Fehlallokationen, stabilisiert die Arbeits- und Ausbildungsmärkte und dient auch verteilungspolitischen Zielen insoweit, als er unterkapitalisierten Kleinstbetrieben die Weiterentwicklung zu einer breiten Schicht wettbewerbsfähiger mittelständischer Betriebe ermöglicht. |
Düsseldorf im März 2003
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