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    Nordrhein-Westfälischer Handwerkstag

    Was ist die Mitte unserer Republik?
    Beitrag von Prof. Schulhoff, Vors. des NWHT

    Jede Gesellschaft braucht eine Mitte, die ihr Stabilität und die nötige Orientierung verleiht. Das selbständige Handwerk hat sich schon immer zu dieser Mitte gezählt. Mit Sorge beobachten wir deshalb die Stimmungslage im Mittelstand. Die Mittelschicht fühlt sich bedroht. Abstiegsängste lähmen ihr Handeln. Manche sehen die bürgerliche Mitte bereits als Verlierer der Globalisierung. Wir wollten wissen: Wie sehen das die Handwerker? Rechnen sie sich weiterhin zur Mitte unserer Republik? Oder löst sich gar das Handwerk als Teil dieser Mitte auf? Wie könnte die Zukunft des Handwerks aussehen?

    Ich will versuchen, in der gebotenen Kürze wenigstens einige wesentliche Ergebnisse dieser Umfrage in zehn Thesen zusammen zu fassen.

    1. Meine erste These ist keine Überraschung: Das Handwerk sieht sich selbst als Mitte unserer Gesellschaft. Jeweils 76 Prozent der befragten Betriebsinhaber sind der Auffassung, dass Handwerksmeister und Selbständige die Mitte bilden. Genauso klar ist, wer in den Augen der Handwerksmeister nicht zur Mitte gehört. Politiker und Spitzenmanager, für die jeweils nur rund 3 Prozent der Befragten votieren. Das Ergebnis macht deutlich. Wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig identifiziert sich das Handwerk mit der Mitte.
    2. Mitte zeichnet sich durch eine klare, zeitlose Werteorientierung aus. Diese Werte prägen nicht nur die persönliche Lebenseinstellung, sondern auch die Erwartungen an die Politik. Auf die Frage, wodurch sich die Vertreter der Mitte auszeichnen sollten, sagen 95 Prozent aller Befragten Verantwortungsbewusstsein, 90 Prozent Leistungsbereitschaft, 73 Prozent Bildungsbereitschaft, 66 Prozent gesellschaftliches Engagement und 64 Prozent Zusammenhalt in der Familie. Grundwerte wie Verantwortung für den eigenen Betrieb und vor allem auch für die Mitarbeiter sind Triebfeder für das Handeln selbständiger Handwerksunternehmer. Dass Gewinne für die Weiterentwicklung der Betriebe unverzichtbar sind, ist selbstverständlich. Aber Handwerksunternehmer wollen keine Gewinnmaximierung um jeden Preis. Ihr Ziel ist eher eine Gewinnoptimierung, die nicht auf kurzfristige Erfolge, sondern auf Nachhaltigkeit setzt.
    3. "Geiz ist geil", diesen mittlerweile abgedroschenen Werbeslogan finden Handwerksunternehmer weder geil, noch intelligent. 90 Prozent der Befragten sind sogar der Meinung, dass dieser Slogan eine Geisteshaltung zeigt, die unser Land zu Grunde richtet Man kann es nicht oft genug sagen: Das Handwerk ist von Qualität und Vielfalt gekennzeichnet. Das hat seinen Preis. Handwerker wissen deshalb: Geiz ist nicht geil, sondern Geiz macht arm.
    4. Fleiß, Strebsamkeit, Zuverlässigkeit und Lernbereitschaft sind mit die wichtigsten persönlichen Eigenschaften. Eigenschaften, die die Handwerksmeister aber nicht nur von jungen Menschen, sondern auch von sich selbst einfordern. Es lohnt aber auch, sich die weitere Rangfolge wichtiger persönlicher Eigenschaften anzusehen. Beispielsweise werden Freundlichkeit und Respekt vor anderen, Ehrlichkeit, Freude an Leistungen, Lebensfreude, aber auch die Fähigkeit zur Selbstkritik und soziale Kompetenz sowie Neugier von der großen Mehrzahl der Befragten ebenso als wichtige persönliche Eigenschaften genannt.
    5. Für mich ein entscheidendes Ergebnis unserer Umfrage: Mitte zeichnet sich durch Bildung aus. Eine hohe Bildungsbereitschaft ist das hervorstechende Merkmal des handwerklichen Mittelstandes. Das individuell hohe Bildungsinteresse geht einher mit ganz klaren Erwartungen an die Politik, mehr als bisher für die Bildung zu tun. Konkret heißt das: 68 Prozent der Befragten fordern ein stärkeres Engagement in Bildung und Erziehung zum Beispiel auch in Kindergärten und Grundschulen.
    6. Bildung ist auch die Antwort auf die Frage, wie man das Verharren in der Unterschicht vermeiden und die soziale Mobilität steigern könnte. Sie alle kennen die aktuelle Debatte um den Begriff „Unterschicht/Prekariat“. 85 Prozent der Befragten fordern deshalb, dass die Schulen grundlegende Leistungsanforderungen auch tatsächlich durchsetzen sollten. 77 Prozent setzen überdies auf gute Sprachkenntnisse.
    7. Gesellschaftliche Engagement ist für Handwerksunternehmer ein ganz wesentliches Kennzeichen der Mitte. 66 Prozent der Befragten sagen, wer zur Mitte gehört, engagiert sich auch für die Gemeinschaft. Viel wichtiger ist allerdings, dass die befragten Handwerker ihren hehren Erwartungen auch entsprechende Taten folgen lassen. Drei Viertel von ihnen engagieren sich trotz hoher zeitlicher Belastung im Betrieb. Im Sportverein, in Brauchtum und Heimatpflege, in den Kirchen, in politischen Parteien und natürlich im handwerklichen Ehrenamt. Für mich lässt dieses Ergebnis nur eine Schlussfolgerung zu: Handwerk und gesellschaftliches Engagement gehören zusammen. Unsere Gesellschaft wäre unendlich viel ärmer, wenn sie auf das verantwortliche Mittun aus dem Handwerk verzichten müsste.
    8. Handwerksunternehmer teilen die Befürchtung vieler Menschen, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland weiter öffnen wird. Drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass sich die Gesellschaft stärker in Reiche und Erfolgreiche einerseits und Arme und gesellschaftlich Ausgeschlossene andererseits spalten wird. 64 Prozent der Befragten fürchten darüber hinaus, dass die deutsche Wirtschaft im Wettbewerb mit anderen Ländern wie Indien und China zurückfallen wird. Und ebenso viele machen sich angesichts der Versorgungsmentalität großer Bevölkerungskreise Sorgen um die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme und der öffentlichen Haushalte. Kurz: Mit Blick auf die Gesamtgesellschaft überwiegen Skepsis und Zurückhaltung. Der Glaube an einen "Wohlstand für Alle", der die 50er und 60er Jahre geprägt hat, ist im Handwerk in der Breite gegenwärtig nicht mehr zu finden. Nur eine Minderheit von 15 Prozent hat eine derart optimistische Zukunftssicht.
    9. Umso überraschender – und für mich auch erfreulicher – sind die Erwartungen zur künftigen Entwicklung des Wirtschaftszweigs selbst. Handwerker wissen um ihre Stärken. Eine deutliche Mehrheit der Befragten ist zuversichtlich, dass das Handwerk sich auch unter veränderten Bedingungen behaupten wird. Und diese Mehrheit glaubt auch daran, dass eine Rückbesinnung auf handwerkliche Qualitäten das Handwerk stärken wird. Unsere Handwerker sehen also selbstbewusst und mit Optimismus in die eigene Zukunft. Sie wissen, dass sie sich auf ihre Fähigkeiten und Qualifikationen verlassen können. Handwerk wird also die stabile Mitte bleiben. Es gibt nach den Ergebnissen dieser Umfrage jedenfalls keine Veranlassung von einem Zerrinnen der handwerklichen Mitte zu sprechen.
    10. Ich komme zu meiner zehnten und letzten These. Dabei geht um ein Anliegen, das unseren Handwerksunternehmern ganz besonders am Herzen liegt. Es geht um ihre ganz konkreten Erwartungen an die Politik. Von der erwarten Handwerksunternehmer vor allem Verlässlichkeit und Konstanz. Mit einer Zustimmungsrate von 80 Prozent steht diese Forderung ganz oben auf der Wunschliste der Befragten. Das hängt natürlich eng mit unseren Erfahrungen seit 1998 zusammen. Die Politik nimmt sich in den letzten Jahren einfach keine Zeit mehr. Ob das nun Hetzte oder Fluch ist, wie einige Ihrer Kollegen spekulieren, ist einerlei. Fakt ist, dass viele Gesetze heute einfach nicht mehr richtig durchdacht sind. Wer sich keine Zeit nimmt, kann eben nicht durchdringen, was er tut.

      Gerade Handwerker wollen nicht mehr Gesetze und Regelungen, als unbedingt nötig sind. 71 Prozent erwarten deshalb auch den Abbau von Regelungen und Gesetzen, also endlich einen echten Beitrag zum tatsächlichen Bürokratieabbau.

    Welche Schlussfolgerungen ergeben sich nun aus den Umfrageergebnissen?

    Für unsere Handwerksunternehmer ist Bildung der zentrale Weg zur Mitte. Bildung setzt aber Lernbereitschaft und generell die Bereitschaft zur Leistung voraus. Wo eine Gesellschaft diese Werte verliert, verliert sie die Mitte und damit ihren stabilen Kern.

    Das Handwerk bekennt sich zu seiner Rolle als Leistungsträger in der Mitte dieser Gesellschaft. Es nimmt die Rolle als Leistungsträger ganz bewusst an. Und dafür setzt es auf Grundwerte, die manche als traditionell abtun mögen, die in Wahrheit aber zeitlos sind. Im Handwerk werden diese Werte gelebt. Und sie sind die Basis für die Zuversicht unserer Betriebsinhaber für die eigene und die Zukunft unseres Wirtschaftszweiges.

    Ich danke Ihnen.

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Auswertung der Untersuchung in der Langfassung als pdf-Dokument 
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