>> Startseite > Positionen > Rolle der Obermeister


Berufung zum Obermeister – ein Amt für Kurienkardinäle mit Nilpferdhaut
Ein Plädoyer für eine Schlüsselfunktion in der Handwerksorganisation

von Dr. Thomas Köster, Haputgeschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf

Als ich vor mehr als 30 Jahren zur Handwerksorganisation kam, hat mir am ersten Tag unser damaliger Kammerpräsident die Handwerksordnung in die Hand gedrückt. Er sagte: „Prägen Sie es sich gut ein: Die Basis der Handwerksorganisation ist die Innung und der Obermeister an ihrer Spitze ist das wichtigste Amt, das in der Organisation zu vergeben ist!“

Ist die Entwicklung über solche früher als ehern angesehenen Tatbestände unseres Organisationsaufbaus nicht immer stärker hinweggegangen? Im Jahre 1955 waren 87,3 Prozent der Unternehmen im Vollhandwerk innungsgebunden. Auch 1984 noch gehörten 80 Prozent einer Innung an. Heute sind es ungefähr 60 Prozent. Ist dieser Verlust an Mitgliederbindung unausweichliches Schicksal? Welche Bedeutung kommt der Persönlichkeit des Obermeisters zu, um den Organisationszusammenhalt auf der Ebene der Innungen und Kreishandwerkerschaften zu stärken und stabilisieren?

Auffällig ist: Es gibt nicht nur regional und gewerkespezifisch, sondern auch je nach Besetzung der Führungsämter gewaltige Unterschiede im Organisationsgrad der Verbände. Es macht schon einen Unterschied, wer an der Spitze steht.

Was zeichnet eine „Obermeisterpersönlichkeit“ in diesem Zusammenhang aus?

Immer ist damit gemeint, dass der Betreffende nicht nur eine Funktion simpel inne hat, sondern sie als seine Berufung ansieht und sie gerade deshalb vorbildlich ausfüllt.

Ich betrachte es als Privileg, großartige Obermeisterpersönlichkeiten kennen gelernt zu haben. Ich erinnere hier – weil Beispiele lehren und es für uns plastisch machen - an den langjährigen Obermeister der Düsseldorfer Sanitär-Heizung-Klima-Innung Otto Stenger, der über sein Obermeisteramt nie weitere Funktionen anstrebte und dennoch die Geschicke seines Fachverbandes, seiner Kammer und seiner Stadt auf Grund seiner Persönlichkeit maßgeblich beeinflusste. Ihm gegenüber den Innungsaustritt zu erklären, war keine einfache Sache. Wie ein Löwe kämpfte er um jedes einzelne Mitglied und für die gemeinsamen Interessen seiner Innungsmitglieder.

Ein Generationswechsel in diesem Spitzenamt ist in vollem Gange; der Andrang an Nachfolgern hält sich in Grenzen. Die potenziellen Amtsnachfolger fragen sich: „Was bringt es denn mir?“ Die Antwort auf diese Frage ist ausschlaggebend, ob jüngere Handwerksunternehmer den Daumen heben oder senken. Die drei folgenden Argumente für die Kandidatur sind nicht schon deswegen falsch, weil sie schon seit langem Geltung besitzen:

1. Wer als Obermeister frühzeitiger als all seine Kollegen den Informationsfluss von Fachverband, Kreishandwerkerschaft und Kammer erhält und dabei nicht auch für seinen Betrieb profitiert, dem ist auch ansonsten schwer zu helfen.

2. Im Rheinland – und nicht nur dort - gilt der Erfahrungsgrundsatz: Beziehungen schaden nur dem, der sie nicht hat.

3. Obermeister zu sein, ist eine Ehre! Klingt altbacken? Man bedenke: wer seinen handwerklichen Qualifikationsweg absolviert, die nötige Berufs- und Führungserfahrung hinzugewonnen hat und dann vom Vertrauen seiner Berufskollegen an die Spitze der fachlichen Berufsgemeinschaft berufen worden ist: der darf sich auf dieses Vertrauen durchaus etwas einbilden.

Dies ist kein Plädoyer, Ämter zu sammeln wie andere Leute Briefmarken. Mit dem Ergebnis, daß Betrieb, Ehe und Gesundheit ruiniert sein können. Auch hier ist eine vernünftige Balance zwischen Eigen- und Gemeinschaftsinteresse unerlässlich.

Ein Obermeister, der solche Grundregeln beachtet, kann dann – wenn er denn will – richtig loslegen, um dem Erfolgsfaktor Obermeisterpersönlichkeit in den verschiedenen Funktionsbereichen Wirklichkeit werden zu lassen.

Gefordert ist vor allem seine Initiativfunktion. Wenn die Auftragsbücher immer schmaler werden, dann sind Gemeinschaftsanstrengungen gefragt, um Neuland zu erschließen. Zum Beispiel in bislang zu wenig beachteten Tätigkeitsfeldern wie dem Milliardenmarkt „Wohnen im Alter“, wo die Nachfrage einer kaufkräftigen Bevölkerungsschicht aktiviert werden kann, deren Anteil im Zuge der demografischen Entwicklung immer weiter zunimmt.

Findigkeit und Entschlossenheit sind auch gefragt, um die derzeit viel gerühmten Public Private Partnership-Projekte, die in der Regel Industrie und Handelskonzernen in die Hand spielen, doch noch mit den Interessen des Handwerks vereinbar zu machen. Dem Obermeister, dem dies gelingt, gebührt der „alternative Nobelpreis des Handwerks“.

Da ist zum anderen die Koordinations- und Integrationsfunktion innerhalb der Innung. Die Homogenität der Mitgliedschaft in den Handwerkskammern ist durch die Handwerksnovelle stark geschwächt. Unter den 41 zulassungspflichtig gebliebenen Handwerken finden sich allein sechs Gewerke, die unabweisbar am Großen Befähigungsnachweis für eine selbstständige Unternehmensführung festhalten; 35 Handwerke kennen die äußerst problematische Altgesellenregelung. Daneben finden sich 53 zulassungsfreie Handwerksberufe. Darüber hinaus die handwerksähnlichen Gewerbe und schließlich die sogenannten Kleinunternehmer.

Das sind insgesamt fünf verschiedene Zielgruppen, die mit Ausnahme der erstgenannten Kategorie immer weniger durch den klassischen handwerklichen Qualifikationsweg Lehrling, Geselle, Meister geprägt sind.

Wie kann ein Obermeister sich dieser Herausforderung stellen? Die Frage stellt sich, ob die Innung auf Existenzgründer ohne abgeschlossene Meisterausbildung aktiv zugehen soll. Und sei es, um diese Klientel doch noch auf einen Qualifikationsweg zu führen. Welche Lösungen Innungen und ihren Obermeistern auf diesem konfliktträchtigen Terrain auch immer finden, sie könnten entscheidenden Einfluss auf die zukünftige Identität des Handwerks ausüben. Denn Handwerk ist Qualifikation oder es ist kein Handwerk. Klar ist: die Obermeister haben im Rahmen ihrer Integrationsfunktion den Konflikt auf dem Tisch.

Auch die Informations- und Dienstleistungsfunktionen von Innung und Obermeister sind von größter Bedeutung. Es gehört nicht zuletzt ein gerüttelt Maß an fachlicher Autorität dazu, um nach Möglichkeit eine führende Rolle im technologischen Erneuerungsprozess in der jeweiligen Branche einnehmen zu können. Erinnert sei an dieser Stelle an den langjährigen früheren Obermeister der Düsseldorfer Innung für Elektrotechnik, Georg Meis. Gesucht wegen seines unvergleichlichen Technikwissens, fiel ihm eine gleichsam natürliche Autorität zu.

Wie lässt sich überdies eine herstellerunabhängige Unterrichtung über die neuesten technischen Entwicklungen sicher stellen? Dabei geht es auch um die Frage: Wer hat die Hosen an? Sind das immer die Hersteller oder ist es das installierende, wartende und reparierende Handwerk. Ein Dauerkonflikt, der immer wieder neu ausgetragen werden muss. Wie dieser Konflikt ausgeht, hängt nicht zuletzt von der Frage ab, wie stark, wie streitbar die Obermeisterpersönlichkeit ist.

Kaum zu überschätzen ist natürlich die Aufgabe der Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit der Innung. Sie ist integral mit dem Amt des Obermeisters verknüpft.

Wenn das Vergabeverhalten der öffentlichen Hand immer mittelstandsfeindlicher ausfällt, dann ist unmittelbar der Obermeister gefordert. Das Generalunternehmertum ist eine Seuche – es ruiniert die regionale Beschäftigungswirkung, es unterhöhlt die Bauqualität und macht überdies das Bauwerk für den öffentlichen Auftraggeber teurer. Unpopuläre Positionen, die gleichwohl gegenüber Politik und Öffentlichkeit vertreten werden müssen.

Erfolgsfaktor Obermeisterpersönlichkeit? Das Fragezeichen ist schlicht durch ein Ausrufezeichen zu ersetzen. Persönlichkeiten machen Geschichte. Das ist auch für die Handwerksorganisation und die Innungsebene nicht anders. Und geschichtliches Wirken ist anstrengend: Ein Spötter hat einmal gesagt, ein Obermeister müsse die diplomatische Raffinesse eines Kurienkardinals mit der dicken Haut eines Nilpferdes verbinden. Beide Attribute sind jedenfalls hilfreiche Eigenschaften. Das Obermeisteramt ist das Schlüsselamt unserer Organisation. Dies gilt heute und in Zeiten des rapiden Umbruches in noch stärkerem Masse als früher.




Dr. Thomas Köster
Hauptgeschäftsführer

Email
 
nach oben zurück