Ruhrforum 2019
HWK Düsseldorf
v.l.: Kammer-HGF Axel Fuhrmann mit Geschäftsführer Dirk Gebhardt des in der Flüchtlingsausbildung engagierten Duisburger Maler- und Lackiererunternehmens Gebhardt GmbH aus Duisburg, Integrations-Staatsministerin Serap Güler und Dortmunds HWK-Präsident Berthold Schröder.

Pressemitteilung Nr. 52 vom 20.9.2019Strategie für Integration durch Bildung und Arbeit gefordert

Klare Positionierung beim 2. Ruhr Forum Handwerk

Immer mehr Flüchtlinge werden im Handwerk ausgebildet. Von den bundesweit rund 44.000 Geflüchteten, die derzeit eine Ausbildung absolvieren, tut dies fast jeder Zweite im Handwerk. In der Region Ruhr wurden im vergangenen Jahr insgesamt 19.584 junge Menschen ausgebildet, darunter – mit steigender Tendenz – fast 3.000 Auszubildende mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Nicht zuletzt aus den Herkunftsländern der jüngsten Migrationsentwicklungen wie Syrien, Irak und Afghanistan hat ihre Zahl stark zugenommen. Wie die Integration Geflüchteter durch Bildung und Arbeit künftig besser gelingen kann, stand im Mittelpunkt des 2. Ruhr Forums Handwerk, das am Donnerstag im HWK-Bildungszentrum Hansemann stattfand.

Unternehmen beweisen hohes Maß an Verantwortung

„Im Ruhrgebiet wird viel zu oft auf Großunternehmen und die Öffentliche Hand geschaut. Dabei wird vielfach unterschätzt, in welchem Maße gerade kleine und mittlere Betriebe für Wachstum, Beschäftigung und Ausbildung sorgen“, betont Berthold Schröder, Präsident der gastgebenden Handwerkskammer (HWK) Dortmund. „Das Handwerk übernimmt seit jeher gesellschaftliche Verantwortung. Dazu gehört auch, Geflüchteten eine Chance auf eine qualifizierte Ausbildung zu ermöglichen. Denn neben adäquaten Sprachkenntnissen sind Bildung und Beschäftigung die wesentlichen Bausteine für eine gelungene Integration.“

Genau aus diesem Grunde habe man bei der Dortmunder Kammer bereits 2015 eine Flüchtlingsinitiative gestartet, zunächst aus Eigenmitteln finanziert, dann mit Unterstützung vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Aus anfänglichen Einzelqualifizierungen sei ein siebenmonatiges, modulares Vollzeit-Qualifizierungsprogramm entstanden, zu dem nach der  Kompetenzfeststellung Werkstattphasen, mehrwöchige Praktika sowie Unterrichtseinheiten zu berufsbezogenen Deutsch- und Mathematikkenntnissen und interkulturelles Coaching gehörten. Schröder: „Seitdem sind wir durchgehend auf diesem Feld aktiv und konnten in Zusammenarbeit mit den zuständigen Arbeitsagenturen schon 153 Teilnehmer in eine Ausbildung, Einstiegsqualifikation oder ein Praktikum vermitteln. Im November startet der fünfte Projektdurchlauf.“

Ruhr Forum Handwerk 2019
Andreas Buck
Podiumsdiskussion beim 2. Ruhr-Forum. Links: Dr. Frank Bruxmeier, Geschäftsführer des Handwerklichen Bildungszentrums Duisburg.

Handwerk ist verlässlicher, proaktiver Partner

Staatssekretärin Serap Güler vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen sagt: „Mit dem Handwerk haben wir einen verlässlichen Partner, um die Integrationspolitik in Nordrhein-Westfalen proaktiv weiterzuentwickeln. Dazu gehört vor allem, Menschen mit Migrationsgeschichte in Ausbildung und Beschäftigung zu bringen. Gerade im Ruhrgebiet sind es die Potenziale der Vielfalt, die wir nutzen wollen, um die Metropolregion zukunftsfähig zu machen.“

Wie sehr die letzten drei Jahre den ausgeprägten Willen, die Kompetenz und die Erfolge des Handwerks in der Region Ruhr bei der Aufnahme und qualifizierenden Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund  eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben, unterstreicht der Düsseldorfer Kammer-Präsident Andreas Ehlert. In den handwerklichen Bildungszentren hätten schon viele Hundert Flüchtlinge ihre berufliche Eingliederungschance erhalten und genutzt. Und sich damit ein gutes Stück Zukunft gesichert. Für sich, und für das Handwerk. „Das war – und ist – eine große Bildungsanstrengung. Sie steht beispielhaft für das, was die Region Ruhr immer ausgezeichnet hat: die eigenen Ressourcen auszuschöpfen, die sie hat. Nur jetzt eben ohne Kohle. Statt dessen durch Aufbau von Wissen und technologischem Können. Mit der Perspektive, AutorIn und UnternehmerIn des eigenen Lebens zu werden. Im Handwerk. Die Wohlfahrt dieser Region profitiert davon“, so Ehlert.  

Zukunft und Wohlfahrt der Region profitieren

Amtskollege Hans Hund, Präsident der Handwerkskammer Münster, bezeichnet die Ausbildung Geflüchteter in kleinen und mittleren Betrieben als „Turbo für die Integration“. Jugendliche, die im Handwerk ein berufliches Zuhause fänden, hätten Vorbildcharakter für ihre Landsleute. „Sie erleben, dass sie als künftige Fachkraft gebraucht werden, Geld verdienen und Anerkennung in einem oftmals neuen Umfeld bekommen.“ Viele Betriebe hätten von positiven Erfahrungen bei der Ausbildung berichtet, insbesondere was Leistungsbereitschaft, Engagement und Lernwillen der Geflüchteten angehe. Es sei den Unternehmen wichtig, dass die mit großem Einsatz Ausgebildeten langfristig bei ihnen bleiben und arbeiten dürften.

Gemeinschaftlich fordern die Spitzenvertreter des Handwerks in der Region Ruhr von der Landesregierung, für die Integration passgenaue Rahmenbedingungen zu schaffen. „Insbesondere für Zuwanderer müssen flächendeckend geeignete Wege zur beruflichen Integration aufgezeigt werden. Dafür ist eine enge Kooperation von Landespolitik, Schulträgern, Ausländerbehörden, Arbeitsagenturen, Jobcentern und lokaler Wirtschaft in allen inhaltlichen und organisatorischen Fragen erforderlich. Ausbildungsstandards dürfen dafür nicht abgesenkt werden. Auszubildende und Betriebe müssen Rechtssicherheit haben und verlässliche Unterstützungsangebote nutzen können.“

In den Prozess der Ruhrkonferenz habe man sich intensiv eingebracht und mit den Industrie- und Handelskammern aus der Region Ruhr 40 Projektideen entwickelt, die dazu beitragen sollen, das Ruhrgebiet in den kommenden zehn Jahren zu einer der führenden Wirtschaftsmetropolen Deutschlands zu machen. Integration durch Bildung und Arbeit für eine optimierte Fachkräftegewinnung spiele dabei natürlich eine wichtige Rolle. Schröder: „Berufsorientierung und -vorbereitung, Praktika und Ausbildungen oder auch die Anerkennung von im Ausland erworbenen Kompetenzen – das Spektrum der Integrationsmaßnahmen ist breit. Für eine zielführende Fachkräftegewinnung brauchen wir aber eine tragfähige Gesamtstrategie.“ 

Integration durch qualifizierte Ausbildung von Geflüchteten

Ausbildungsunternehmen Horst Gebhardt Malerbetrieb GmbH, Duisburg

Ein Interview von Kammersprecher Alexander Konrad mit Betriebsleiter Dirk Gebhardt

Dirk Gebhardt, verantwortlicher Betriebsleiter des Familienunternehmens Maler Gebhardt GmbH (Duisburg), nahm am 19. September in Dortmund am 2. „Ruhr-Forum“ des Aktionsverbunds „Handwerk Region Ruhr“ der drei Handwerkskammern und elf Kreishandwerkerschaften im einstigen Kohle- und Stahlrevier teil. Der ausbildende Betrieb mit 25 Mitarbeitern aus dem Ausbaugewerbe hat in den 28 Jahren seiner Existenz 49 Schulabgängerinnen und -abgänger in dem gestaltenden Handwerksberuf und kaufmännisch unterwiesen.

Derzeit befinden sich zwei junge Flüchtlinge aus Krisenländern Asiens in Berufslehre in der Firma Gebhardt im Duisburger Süden: Raja Zulqarnain aus Pakistan zum Maler/ Lackierer; Aziz Basim Abdo aus dem Irak durchläuft eine bürokaufmännische Ausbildung. Beide wurden zuvor in berufsvorbereitenden Maßnahmen durch das Bildungszentrum Handwerk der Kreishandwerkerschaft Duisburg an die Ausbildungsreife herangeführt. Das BZH war die erste Berufsbildungseinrichtung des Wirtschaftsbereichs in NRW, das die Notwendigkeit einer Qualifizierung von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten im Jahr 2015 erkannt und mithilfe staatlicher Förderung modellhaft ausbildungsvorbereitende Maßnahmen durchgeführt hat.

Dirk Gebhardt berichtete im Rahmen der Ruhrkonferenz des Handwerks über seine Herangehensweise bei der Eingliederung junger Migranten durch Qualifikation – und stand der Kammer bereits vor Beginn der Veranstaltung für nachstehendes Gespräch zur Verfügung:

Wie kam es zur Aufnahme zweier Flüchtlinge in Ihren Betrieb?

Wir kooperieren auf Ebene der Maler-Innung eng dem Bildungszentrum des Duisburger Handwerks und hatten erfahren, dass ausgewählte Flüchtlinge für die Eingliederung in den Arbeitsmarkt geschult werden. Mit der Kreishandwerkerschaft Duisburg, dem Träger der überbetrieblichen Ausbildungsstätte, haben wir dann zusätzliche Anforderungen für unseren Betrieb besprochen. Insbesondere sollten dabei solche Punkte arbeitsteilig abgeklärt und zugeordnet werden, die zusätzlichen Begleitaufwand für unseren Ausbildungsbetrieb mit sich bringen, zum Beispiel Abklärungen mit der Ausländerbehörde über den Bleibestatus der Lehrlinge, mit den Sozialbehörden über sozialpädagogische Begleitung und Mietzuschüsse, mit der Agentur für Arbeit über das Angebot von Sprachförderung und zusätzlicher Nachhilfe; auch zur Frage der Mobilität etwa über ein ÖPNV-Monatsticket . All diese Aktivitäten sollten die Ausbildung eben nicht stören. Und in all diesen Bereichen hat die Kreishandwerkerschaft Duisburg auch viel geleistet. Anschließend haben wir ein halbes Dutzend Praktika durchgeführt mit dem Ergebnis des Abschlusses von zwei Lehrverträgen.

Was hat Sie motiviert, diesen Weg zu gehen?

Wir können schon seit mehreren Jahren unsere Ausbildungsplätze nicht mehr besetzen.

Hatten Sie trotz des Einsatzes der Kreishandwerkerschaft als Betrieb noch zusätzliche Anstrengungen schultern müssen?

Obwohl die Kreishandwerkerschaft Duisburg wirklich sehr viel Arbeit übernommen hat, kam es immer wieder zu Störungen in der Ausbildung durch Fehlzeiten, verursacht durch angeordnete und nicht koordinierte Behördengänge. Zum Teil waren die Mitarbeiter dann mit den Formularen und Fragen der Beamten überfordert und dadurch lange beschäftigt; das ging dann durchaus auch zu Lasten der Ausbildungszeit.

Was zeichnet die jungen Leute aus, wo haben sie Unterstützung benötigt?

Unsere beiden Auszubildenden haben sehr schwere Zeiten durchlebt. Sie sind unter Lebensgefahr geflüchtet. Ihre Motivation und Dankbarkeit sind herausragend. Auch haben sie eine gute Bildung. Leider wird das durch die Sprachbarriere etwas verschleiert. Aber die Auffassungsgabe ist sehr gut und es ist überraschend, wie schnell sie sich anpassen. Leider können wir ihnen bei der Prüfungsgestaltung und der Bürokratie nicht immer im erforderlichen Maße entgegenkommen.

Was „treibt“ Sie an, sich für einen Ausbildungsabschluss und die Integration der jungen  Flüchtlinge so energisch zu engagieren?

Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ausländische Mitbürger ein Teil unserer Gesellschaft sind. Im Handwerk wären wir ohne die guten Handwerker aus dem Ausland nicht so leistungsfähig. Es wäre schade, wenn wir dieses Know-how nicht nutzen würden.

Ein Zwischenfazit: Wie bewerten Sie die „Machbarkeit“ eines Ausbildungs-Engagements zugunsten von Flüchtlingen? Wo bräuchte es noch mehr Entlastung, um die Zusatzanstrengung einer betrieblichen Unterweisung von jungen Menschen aus ganz anderem Kulturkreis und mit zum Teil traumatischen Erfahrungen erfolgreich stemmen zu können?

Sehr gut haben sich die Maßnahmen zur sprachlichen und berufsbezogenen Vorbereitung der Lehrlinge aus Krisenregionen ausgewirkt. Auch danke ich der Kreishandwerkerschaft Duisburg ausdrücklich für individuelle pädagogische Betreuung. Leider endete diese Unterstützung mit Abschluss der Lehrverträge. Es wäre wichtig, dass die Azubis weiter speziell in die bzw. in der Prüfung begleitet werden. Auch die Berufsschule müsste verstärkt auf Sprachrückstände bzw. auf die Sprachbarriere eingehen. Ich mache es konkreter: Es sind zwei Paar Schuhe, ob ich in einer Fremdsprache den Alltag bewältigen muss, oder komplizierte fachspezifische Fragen beantworten soll. Dafür müssten unbedingt besondere Sprachkurse eingerichtet werden, die berufsspezifische Zusammenhänge gut verständlich übersetzen. Ich denke, das wäre eine Investition, die sich in Hinblick auf den Facharbeitermangel absolut bezahlt machen würde.

Kontakt zum Betrieb:

Horst Gebhardt Malerbetrieb GmbH
Großenbaumer Allee 33, 47269 Duisburg
Telefon: 0203 763671
Dirk.gebhardt@gebhardt-info.de
www.malerarbeiten-duisburg.de



Statistik: So steht das Ruhr-Handwerk da

Das Handwerk in der Region Ruhr stellt mit etwa 287.500 Erwerbstätigen etwa jeden achten Arbeitsplatz. Sogar jeder sechste sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Region ist im Handwerk tätig. Das geht aus den Zahlen hervor, die das Handwerk Region Ruhr – ein Zusammenschluss von drei Handwerkskammern und elf Kreishandwerkerschaften im Ruhrgebiet – zur Konjunktur-und Strukturentwicklung des Handwerks vorgelegt hat.

Das Handwerk hat sich hervorragend entwickelt

Die Zahl der Betriebe ist mit leicht steigender Tendenz auf 44.202 Betriebe geklettert, und rund 30,5 Mrd. Euro Umsatz wurden hier vom Handwerk 2018 erwirtschaftet. Dabei konnte sich das Handwerk auf eine nach wie vor robuste und stabile Konjunktur stützen. Der aktuelle Geschäftsklimaindex liegt zwar um fünf Prozentpunkte unter den Werten für ganz Nordrhein-Westfalen, doch auch an Ruhr und Emscher bewegte er sich im Herbst 2018 und im Frühjahr 2019 mit 133 Punkten stabil auf einem Rekordniveau.
Dabei verlief die Entwicklung im östlichen Ruhrgebiet erfreulicher als im westlichen Ruhrgebiet. Die Betriebe berichten durchweg über eine gute Geschäftslage sowie eine erfreuliche Umsatz- und Auftragslage. Sie konnten zuletzt höhere Verkaufspreise durchsetzen und Beschäftigung aufbauen.

Auch die Investitionstätigkeit war aktiv. Die Betriebe haben mit einer außerordentlich hohen Auslastung von zuletzt 79 Prozent zu kämpfen. Die Auftragsreichweiten bewegen sich mit durchschnittlich 7,7 Wochen auf einem Höchststand, allerdings ist die Situation im Ruhrgebiet weniger angespannt als im übrigen Nordrhein-Westfalen. Hier liegt die Auftragsreichweite derzeit sogar bei 8,7 Wochen. Von einer konjunkturellen Krise, wie sie zuletzt insbesondere die exportorientierte Industrie getroffen hat, ist im Handwerk in der Region Ruhr nichts zu spüren. Die Erwartungen der Betriebe an die künftige Entwicklung sind optimistisch.



Konrad Alexander HWK Düsseldorf

Alexander Konrad

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