(v. l.): A. Ehlert; Thomas Dopheide; C. Zuschke; M. Lehrmann, A. Söfker-Rieniets; Prof. J. A. Schmidt und Dr. A. Fuhrmann
HWK Düsseldorf
(v. l.): Kammerpräsident Andreas Ehlert; Kreishandwerksmeister Thomas Dopheide; Dezernentin für Planen, Bauen, Mobilität u. Grundstückswesen der Stadt Düsseldorf Cornelia Zuschke; Markus Lehrmann, HGF der Architektenkammer NRW; Dipl.-Ing. Anne Söfker-Rieniets, selbstständige Stadtforscherin; Prof. Dr.-Ing. J. Alexander Schmidt, Institut für Stadtplanung + Städtebau ISS der Universität Duisburg-Essen und Dr. Axel Fuhrmann, Hauptgeschäftsführer der HWK Düsseldorf

Pressemitteilung Nr. 48 vom 12.9.2019HWK: Mehr Schutz für Standorte in der Innenstadt

Die notwendige Schaffung neuen Wohnraums geht in der wachsenden Metropole Düsseldorf zunehmend zu Lasten ansässiger Handwerks- und Gewerbebetriebe. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung der Standortsituation durch das Institut für Stadtplanung und Städtebau der Uni Duisburg-Essen im Auftrag der Handwerkskammer. Die Forscher Prof. J. Alexander Schmidt und Diplom-Ingenieurin Anne Söfker-Rieniets stellten die Ergebnisse ihrer qualitativen Analysen und einer Exploration der beiden exemplarisch ausgewählten Innenstadtquartiere Bilk und Flingern am Donnerstag der Öffentlichkeit im Rahmen eines Fachgesprächs unter dem Titel „Verdrängt der Wohnungsbau die `Wirtschaftsmacht von nebenan´?“ vor und zur Diskussion. Dabei gingen sie insbesondere auf die Vertreibung von Handwerk und Gewerbebetrieben aus Blockrändern und -Innenbereichen in den Untersuchungsgebieten ein: „Sowohl konzentrierte Handwerkslagen wie das Areal Auto Becker / Karolingerhöfe, Schraubenfabrik Mothes / Mothes-Karree oder südwestlich Witzelstraße, wo der neue großflächige Bebauungsplan keinerlei Handwerksnutzung mehr vorsieht, als auch traditionelle Innenhof-Standorte wie in der Suitbertus- oder in der Burghofstraße gehen komplett und ohne Anschlussmöglichkeit für Handwerk und Gewerbe auf unabsehbare Zeit an neuen Wohnungsbau verloren,“ fasste Schmidt das Ergebnis der Vorstudie zusammen. „Die gesamte Innenstadt müsste Mischgebiet mit Entfaltungsraum für das Handwerk sein“, ergänzte Söfker-Rieniets.

 Ehlert: Notwendiger Wohnungsbau geht in Düsseldorf zu Lasten von Gewerbe und Urbanität

„Der Befund ist ein Weckruf an Rat und Verwaltung der Landeshauptstadt, dem dynamisch verlaufenden Verdrängungsprozess rasch konzeptionell, in der Genehmigungspraxis und planungsrechtlich entgegenzutreten“, folgerte Kammerpräsident Andreas Ehlert aus dem Vorgutachten. Gehe der Druck auf bezahlbare Pachten und Gewerbelagen ungebremst weiter, drohe Düsseldorf ein „massiver, kaum umkehrbarer Substanzverlust in seiner Vielfalt an Produktions-, Versorgungs- und Dienstleistungs-Unternehmen und an Urbanität“ - und neben der ökonomischen auch eine „soziale Erosion, denn mit dem Exodus der Betriebe gehen unablässig auch gewerbliche Arbeitsmöglichkeiten auf dem Ersten Arbeitsmarkt verloren“, so der Kammerchef. Düsseldorf habe sich den Zielen der `Charta von Leipzig´ und damit einer nachhaltigen Funktionsdurchmischung seiner Quartiere verpflichtet, erinnerte Ehlert die Kommunalverantwortlichen an das städtebauliche Leitbild der Landeshauptstadt. Gleichzeitig drohe durch einseitige planerische Setzungen auch das verkehrs- und energiepolitische Ziel einer „Stadt der kurzen Wege“ verfehlt zu werden, wenn ins Umland verdrängte Unternehmen zusätzliche Lieferfahrten und Pendlerströme verursachten.

Forschergruppe des Städtebau-Instituts der Uni Duisburg-Essen stellt Ergebnisse einer Studie vor 

Im zweiten Teil der Konferenz erörterten fachpolitisch Verantwortliche der Kommune und Exponenten der Architekten- und der Handwerkskammer unter Moderation von Helmut Rehmsen (WDR) gemeinsam mit Stadtforscher Schmidt, was die Standortentwicklung und die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu für Handwerk und Gewerbe und für die Stadt als Ganzes bedeuten. Der Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer NW Markus Lehrmann bestätigte Dichte, Urbanität, Lebendigkeit, kurze Wege und vor allem eben Nutzungsmischung als jene Kernqualitäten einer funktionierenden, attraktiven Stadt, die es vor allem weiterzuentwickeln gelte, „und das auch in kritischer Auseinandersetzung mit den eingesetzten Steuerungsinstrumenten“. Allerdings sei der beauftragte Architekt an das Verwertungsinteresse des Investors gebunden. Der Vorsitzende des Stadtentwicklungs-Ausschuss Dr. Alexander Fils sicherte unter dem Eindruck zahlreich vorgestellter Fallbeispiele von verloren gegangenen Handwerksstandorte zu, sich für ein „Handlungskonzept Handwerk“ vergleichbar dem Einzelhandelskonzept einzusetzen. Bau- und Planungsdezernentin Cornelia Zuschke machte geltend, die Stadt habe die räumlichen Entfaltungsmöglichkeiten des Wirtschaftsbereichs und den bedeutenden Beitrag handwerklicher Angebotsvielfalt, Gestaltungs-, Wartungs- und Reparaturkompetenz für vitale Stadtzentren „bereits im Blick“ und beispielsweise im Flächennutzungsplan laut Gewerbe- und Industriekernzonen-Konzept 1.500 Hektar Nutzfläche für Handwerk, Gewerbe und Industrie festgeschrieben. „Erst Wohnen und Arbeiten ergibt zusammen Leben und das ist das Wesen von Stadt“, so die zuständige Kommunalpolitikerin, die zusagte, von den standortsichernden und -schaffenden Möglichkeiten fürs Handwerk bei der Gestaltung städtebaulicher Verträge mit Investoren künftig noch umfassender Gebrauch zu machen. Aktuell wolle sie sich bereits bei der anstehenden Teilumwidmung und Neubebauung des großflächigen Outukumpu-Nirosta-Industriegeländes für einen 40-Prozent-Behalt für Gewerbenutzung einsetzen.

Zahlreiche der rund einhundert Teilnehmer - überwiegend Firmenverantwortliche aus den betroffenen Citygebieten - steuerten in der Generaldiskussion eigene Erfahrungsbeispiele aus ihrem Unternehmen oder aus den Nachbarschaften bei.

Stadtentwicklungskonzept muss überarbeitet werden

Kammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Axel Fuhrmann und Thomas Dopheide artikulierten abschließend eine Reihe von Anforderungen des Handwerks an eine künftig wieder ausgewogenere Stadtentwicklungspolitik: So seien bestehenden Gewerbe- und Mischgebiete und die in Düsseldorf bislang stark gewerblich nutzbaren Innenhoflagen planungsrechtlich besser zu schützen und Neu-Investoren auch in Misch- und Urbanen Gebieten vertraglich zu nennenswerter Flächenvorhaltung für Gewerbe - „ausdrücklich auch produzierender Branchen“, so Fuhrmann – zu verpflichten. Die Handwerksrepräsentanten regten die Errichtung neuer Handwerkerhöfe und Gründerzentren im Stadtinnenbereich und die Planung von Mischgebieten in oder am Rande von Wohngebieten mit gutem Autobahnanschluss für Betriebe der „Baustellengewerke“ sowie Konzepte für mehrgeschossige Gewerbegebiete an und drängten auf eine Überarbeitung des Stadtentwicklungskonzepts in diesem Sinne. „Über die gesamte Stadtfläche hinweg ist mindestens auf eine ausgewogene, räumliche Verteilung von Gewerbe- und handwerklich geprägten Mischgebieten zu achten“, gaben die beiden Handwerkssprecher der Stadtpolitik mit.

Entlastung könne im Übrigen auch ein gewerbefreundlicheres Verwaltungshandeln im Alltag bringen. So könne in ausgewiesenen oder faktischen Mischgebieten das Bauamt auf die Wahrung des ausgewogenen Verhältnisses von Gewerbe und Wohnen achten. „Eigentlich müsste ab einer gewissen Anteilsverschiebung die Genehmigung für die Umnutzung von gewerblichen Räumen für Wohnzwecke versagt werden: In der Praxis passiert dies in der Regel nicht“, erläuterte Kreishandwerksmeister Dopheide. Auch müssten Nachbarschaftsbeschwerden über Gewerbelärm nicht immer bedeuten, dass der Gewerbetreibende zu laut sei. Das Gesetzt biete mit der TA Lärm hierfür einen objektiven Beurteilungsmaßstab. „Warum soll künftig nicht der Beschwerdeführer den Nachweis der Überschreitung erbringen?“, regte Fuhrmann an, der die Konferenzteilnehmer mit einem Denkanstoß entließ: „Henry Ford und Bill Gates haben in einer Garage angefangen. Wir sollten dem Handwerk und dieser Stadt diese Chance ebenfalls erhalten!“

Konrad Alexander HWK Düsseldorf

Alexander Konrad

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