(v.l.n.r.) Musiker Frank Gerstmeier mit Ukulele, Zupfinstrumentenmachermeister Thorsten Sven Lietz, Werkzeug in der Gitarrenbauerwerkstatt
HWK Düsseldorf
Musiker Frank Gerstmeier (li.) und Zupfinstrumentenmachermeister Thorsten Sven Lietz in der Werkstatt des Gitarrenbauers in Essen.

Interview"Jeder Musiker braucht einen guten Instrumentenbauer."

Musiker und Instrumentenmacher, Künstler und Handwerker. Wie lässt sich dieses besondere Verhältnis beschreiben? Zupfinstrumentenmachermeister Thorsten Sven Lietz und Frank Gerstmeier, Musiker und Hochschullehrer, erzählen im Gespräch, was sie aneinander schätzen – und warum auch der Spaß nicht zu kurz kommen darf. Am 14. Mai sind beide beim „Tag des Musikinstrumentenbaus“ in der Handwerkskammer zu erleben.  

Herr Lietz, wenn man sich hier so umsieht, scheint Ihre Werkstatt voller Überraschungen zu sein. Über unseren Köpfen hängt zum Beispiel gut ein Dutzend Lautenkerne. Woran arbeiten Sie gerade?

Lietz: Ich baue nach wie vor ganz klassisch Akustik-Gitarren, aber auch Lauten wie diese hier (zeigt eine „Muschel“ aus österreichischer geriegelter Esche mit ausdrucksstarker Maserung). Gerade sind unter anderem zwei 8-chörige Lauten nach Magnus Tiefenbrucker sowie ein Colascione in Arbeit. Ich bin zuversichtlich, sie am 14. Mai in der Handwerkskammer zeigen zu können. In den letzten Jahren ist mein Interesse an historischen Instrumenten, also beispielsweise Renaissance-Gitarren oder Barocklauten, noch mehr gewachsen; im Bereich „Alte Musik“ gibt es eine sehr aktive Szene. Und ich habe vor einiger Zeit angefangen, Ukulelen zu bauen, unter anderem für Frank Gerstmeier (lächelt). Die sind vom Bau her übrigens gar nicht unähnlich den Instrumenten, wie sie im Europa des 16. Jahrhunderts gefertigt wurden; sie wurden schließlich auch von europäischen Auswanderern in den USA „erfunden“, bevor sie von Hawaii den Weg wieder hierher zurückfanden.

Was ist das Besondere am Instrument Ukulele?

Gerstmeier: Die Ukulele wird manchmal unterschätzt oder gar belächelt. Das ist in meinen Augen aber durchaus ein Vorteil: Die Hürden für den Einstieg sind nicht so groß. Vielleicht liegt es daran, dass die Ukulele höher und damit freundlicher klingt – das gibt ihr diese Leichtigkeit. Tatsächlich ist es etwas einfacher, 4 statt wie bei der Gitarre 6 Saiten zu spielen. Für mich war es aber vor allem etwas Neues, ein „unbeackertes“ Gebiet. Ich vergleiche es manchmal damit, „in der Telefonzelle zu tanzen“.

Auch Sie haben also die Ukulele erst im Laufe der Zeit für sich „entdeckt“?

Gerstmeier: Das ergab sich durch Zufall, über den Kontakt zu einer Studentin, die im Bereich Musikpädagogik auf das Instrument gestoßen war. Sie fand es als Begleitung im Unterricht von Kindern spannend. Für Kinder im Grundschulalter ist es sehr gut geeignet, weil es perfekt zu ihrer Stimmhöhe passt. Es macht einfach Spaß – gerade, wenn man gemeinsam musiziert. Auch nicht ganz unwichtig: Das Instrument ist bezahlbar. Und es ist so leicht, dass man es auf Reisen wunderbar mitnehmen kann. Nicht umsonst hat die Ukulele schon einige regelrechte Popularitäts-Wellen erlebt. Im Moment liegt sie wieder sehr im Trend – bei uns noch nicht so wie in England, wo sie noch etwas verrückter sind.

Wie entsteht der besondere Klang?

Lietz: Normalerweise ist die 4. Saite eine Oktave höher gestimmt als die anderen – im Gegensatz zur Gitarre. Das ergibt den typischen Klang der Ukulele. Aber es gibt auch Varianten. Eine Tenorukulele wie diese hier klingt etwas wärmer, weil die 4. Saite tiefer gestimmt ist.

Gerstmeier: Israel hat bei den meisten Versionen seines berühmten „Somewhere over the Rainbow“ auch diese Stimmung gewählt (spielt den Klassiker von Israel Kamakawiwoʻole).

Was macht den Unterschied zwischen einem „für mich gebauten“ Instrument – im Gegensatz zum Angebot „von der Stange“?

Gerstmeier: Nichts gegen industriell hergestellte Instrumente, aber bestimmte Sachen können die einfach nicht (greift wieder zur Ukulele). Die sieht ja nicht nur gut aus, sondern die Qualität, die Intensität der Töne ist so unglaublich gut (Er spielt „Here comes the sun” von den Beatles an. George Harrison, davon ist Gerstmeier überzeugt, muss das Stück mit der Ukulele geschrieben haben. Der Beatle besaß über 50 davon.)

Lietz: Es sind ja alles Einzelstücke, die ich anfertige. Dabei muss man sich auf das Holz einlassen.

Welches Holz kommt zum Einsatz? Woher beziehen Sie es?

Lietz: Das ist ganz unterschiedlich, vieles finde ich bei Tonholzhändlern etwa in Mittenwald oder Bubenreuth. Gerade habe ich dieses Bahia-Rosenholz bekommen: Es hat einen atemberaubenden Rosa-Ton – und es duftet! Ich fertige den Hals einer Schwanenhals-Laute aus amerikanischer Esche, eine „Weissenborn“-Gitarre aus Mahagoni, aber auch ein Griffbrett aus Buchbaum oder Wirbel aus Goldregen. In meiner Werkstatt verwende ich Holz von allen Kontinenten, es kommt aus Tasmanien, Mosambique oder einem Garten im Ruhrgebiet. Das Wichtigste: Man verschwendet nichts, man schmeißt nichts weg! Geht etwas kaputt, kann es aus demselben Bestand originalgetreu repariert werden. Das ist wie bei Rolls Royce (grinst). Ich erinnere mich, wie mich der Berater bei der Sparkasse, als ich meinen allerersten Kredit für die Selbstständigkeit beantragt habe, ungläubig fragte: „Ja, kann man denn so altes Holz überhaupt noch verwenden?“ So, als gebe es eine Art Mindesthaltbarkeitsdatum. Richtigerweise wird das Holz immer besser, je länger es gelagert wurde.

Da denkt jeder sofort an Stradivari – kann ein neu gebautes Instrument überhaupt genauso gut sein wie ein altes?

Gerstmeier: Es stimmt, dass das Instrument mit der Zeit besser wird – „es schwingt sich mehr ein“. Aber es muss dazu schon von Anfang an gut sein. Bei diesen hier merke ich es sofort. (Gerstmeier nimmt ein zweites Instrument aus hawaiianischem Koa-Holz in die Hand. Dazu gibt es eine Anekdote: Das Holz kaufte er auf Hawaii und gab drei Ukulelen für sich und seine Bandkollegen bei Lietz in Auftrag. Die Instrumente stellte Lietz einen Tag vor einem geplanten Konzertauftritt fertig. Bis dahin bekamen das Trio keine Zwischenschritte zu sehen.)

Ist Klang etwas Subjektives? Oder objektiv nachprüfbar?

Lietz: Es gibt Möglichkeiten, durch bestimmte computergestützte Messmethoden (Modalanalyse) am Instrument festzustellen, wie jeder einzelne Punkt „klingt“ (Eigenschwingung oder -frequenz). Manche Instrumentenbauer bedienen sich dieses Verfahrens.

Gerstmeier: Das „Subjektive“ ist Teil der Sache – durch das Spielen passiert etwas mit dem Holz. Ja, es gibt sogar Versuche, das „Einschwingen“ technisch zu simulieren. Aber ist das etwas, was ich überhaupt will? Ich will ja, dass die nach mir klingt. Eine Wechselwirkung zwischen Instrument und Musiker sozusagen.

Es geht also um „das richtige Instrument“ für jeden Spieler oder Musiker?

Lietz: Sagen wir mal so: Es gibt keine zwei Gitarristen, die sich für das gleiche Instrument begeistern.

Ist Musikinstrumentenbau auch ein Thema bei Ihrer Arbeit als Hochschullehrer, Herr Gerstmeier?

Gerstmeier: Meist nur „inoffiziell“. Ich selbst greife das Thema auf, wenn ich in Literaturkunde die Jahrhunderte durchgehe und mache auf verschiedene Bauarten aufmerksam. Dann kommt natürlich auch die Qualität moderner Gitarren zur Sprache. Es ergibt sich zwangsläufig auch ein Gespräch mit den Studierenden über das Instrument, das sie spielen: Ist es kein gutes Instrument, dann haben sie nicht die gleichen Chancen, sich zu entwickeln!

Wissen alle Musiker die Kompetenz der Instrumentenmacher zu schätzen?

Gerstmeier: Jeder Musiker braucht einen guten Kontakt zum Instrumentenbauer. Zur Wahrheit gehört natürlich auch: Bei jedem Kauf denkt man, das Instrument ist es, bis zum Ende aller Tage. Grundsätzlich bin ich auch „treu“ (schmunzelt) – aber von Zeit zu Zeit merke ich, dass ich eine Veränderung brauche. Will sagen, ich nähere mich dem perfekten Instrument an …

Und wie erleben Sie die Musiker, sprich die Kunden, die zu Ihnen kommen, Herr Lietz?

Lietz: Die meisten finden durch Mundpropaganda zu mir. Wenn die Qualität stimmt, spricht sich das ‘rum. Einer meiner ersten Auftraggeber war zum Beispiel Uwe Lyko alias Herbert Knebel. Inzwischen hat die ganze Band hier schon einmal vorbeigeschaut … Meine Arbeit ist natürlich nicht billig, aber der Preis ist angemessen. Ich erlebe das Verhältnis als sehr ausgewogen, immer auf Augenhöhe – oft freundschaftlich.

Wie haben Sie beide die Corona-Zeit erlebt?

Lietz: Es gab eine kurze Zeit der Zurückhaltung im ersten Lockdown, dann lief es wieder. Zurzeit bin ich „ausgebucht“. Die Aufträge reichen bis ins nächste Frühjahr.

Gerstmeier: Als Musiker? Da hatte ich 3 Auftritte im Jahr 2020, genauso 2021. Natürlich war es gut, dass ich weiter als Lehrender arbeiten und die Zeit „überbrücken“ konnte. Aber über den Bildschirm, das war schon schwer, da musste man sich erstmal dran gewöhnen. Manches ist außerdem online technisch schwer machbar – spielen und singen gleichzeitig beispielsweise.

Umso mehr freuen sich Musiker und Instrumentenbauer, dass sie am 14. Mai in Aktion zu erleben sind. Von der Qualität der Instrumente können sich die Zuhörer vor Ort überzeugen: Die „Lucky Ukes“, das Trio um Frank Gerstmeier, spielen auf Ukulelen von Thorsten Sven Lietz.



Besuch in der Werkstatt von Thorsten Sven Lietz

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Blick in die Werkstatt des Zupfinstrumentenmachermeisters
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Das Gespräch fand in der Werkstatt von Thorsten Sven Lietz in Essen statt.

Zu den Personen:

Thorsten Sven Lietz, geboren 1971 in Marl, ist Zupfinstrumentenmachermeister. Seine Meisterprüfung legte er 2004 in Mittenwald als Bester seines Jahrgangs ab. Lietz betreibt seine Werkstatt in Essen-Werden.

Frank Gerstmeier, Jahrgang 1961, ist Musiker und Hochschullehrer. Er studierte Kammermusik und Musikpädagogik in Dortmund, Essen und Köln. Seit 1980 lehrt er an der Musikschule Dortmund, seit 1989 unterrichtet er an den Musikhochschulen Dortmund, Essen und Detmold. In der Musikszene ist Frank Gerstmeier sowohl als Solist wie auch in verschiedenen Ensembles zu Hause und durch Konzerttätigkeiten und Meisterklassen im In- und Ausland überregional bekannt.

Kerkmann Frauke HWK Düsseldorf

Frauke Kerkmann

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